Muss man twittern?
Muss man wählen gehen, Podcasts hören, an Gott oder an die Liebe glauben? Nein - aber man kann. Wie in allen Medien, oder auch in Religion und Politik, ist Twitter nur ein Angebot bzw. die Möglichkeit zu versuchen, Kommunikation aufzubauen, indem Nachrichten mit maximal 140 Zeichen an eigene Abonnenten, sogenannte „Follower“, verschickt werden.
Muss man Twitter kennen?
Nein! Ebenso wenig wie man das Broca-Areal im Gehirn kennen muss, das höchstwahrscheinlich aktiv wird, wenn man ins Twitter-Formular tippt. Natürlich kann man in dieses Formular auch „Brazil Brand, geschmeidiger im Anklang, herzhafter Abgang, im Vergleich zum kreischenden 'Typ Espresso' “ tippen, um zu verdeutlichen, dass man einen feinen Gaumen für Senseo-Pads hat. Aber wen interessiert das? Man kann auch tippen: „Wegen vier Maultaschen entlassen“ und einen Link zum Maultaschenurteil setzen. Nicht nur die Juristen unter Ihren Followern werden schmunzeln. Eine solche Grundsatzfrage über unseren Umgang mit Lebensmitteln und der Auslegung von Prinzipien könnte auch neue Follower anlocken. Um eine Antwort auf alle weiteren Fragen, in denen „Muss“ vorkommt, zu beantworten, ein Vorschlag: Ersetzen wir das „Muss“ durch ein „Kann“. Was kann mit Twitter erreicht werden? 752.386 Leute die einem Zuhören! Ja, Barack Obama hat derzeit 752.386 Follower. - Aston Kutcher dagegen 3.887.918.
Muss man wissen was jeder zu sagen hat?
Georg Gadamer sagte einmal: „Demokratie ist die Auffassung, dass der andere auch etwas zu sagen hat.“ Der Missbrauchte, der Beschenkte, der Erfolgreiche, der Verlierer, der Sterbende, der Glückliche. Der Verliebte. Der Verlassene. Der Verkäufer. Der Kunde. Der Terrorist. Der Nazi. Der Kinderschänder. Jeder darf twittern. Vertragen wir so viel Demokratie?
Muss alles immer wahr sein?
Auf einer Tagung zum Thema „Professionelles Schreiben - Texte die zünden“, antwortete ein Professor auf die Frage, wie sich das Schreiben im dialogorientierten Web 2.0 ändere: "Es sei überlebensnotwendig, sich an die 'Gerüchtefabrik Twitter', wo jeder alles schreiben darf zu gewöhnen“, – seien es Radio, Fernsehen, Websites oder gedruckte Medien (Zeitungen). Medienkompetenz ist immer erforderlich, um im Informationszeitalter zu leben und um sich orientieren zu können. Die Frage ist nicht, ob die Technik „Twitter“ unglaubwürdig ist, sondern wie glaubwürdig die Nachrichten sind, die noch immer von Menschen verfasst werden. Ist Twitter nicht eine Möglichkeit, eine Art Grundsatzdemokratie aufzubauen?
Auf die Frage nach Beispielen für diese nicht verifizierten, über Twitter verbreiteten Gerüchte, wusste keiner der Anwesenden eine Antwort. Dafür gab es andere Beispiele, bei denen Tweets schneller waren als andere Medien, z. B. die auf 2 % genauen Wahlergebnisse bei den Landtagswahlen im Saarland oder der Absturz eines Passagierflugzeuges in den Hudson River in New York. Keine Redaktion, keine Nachrichtenagentur hat schneller reagiert. Die Nachricht war zuerst über Twitter abrufbar.
Müssen zu viele Köche nicht die Köchin verderben?
Könnte passieren! Da es aber sehr viele Leser gibt, greift eine Art Demokratiefilter ein, der Unwahres sehr schnell filtert und entlarvt. Ähnlich wie bei Wikipedia — aber dass nur Wahres drinsteht? Unmöglich! Aber wo ist eine hundertprozentige Wahrheitsquote überhaupt möglich? Im Bertelsmann-Lexikon?
Nun der Fazitversuch in Twitterlänge: Müssen tut man nur sterben. Twittern muss man seine Todesnachricht nicht. Aber man könnte. Wenn man denn tot noch twittern könnte.
02.01.2010
Daniel Rosner
Links zum Thema
offizielle Twitter Seite. Anmelden. Lostwittern!
www.twitter.com
Twitter von Antwort 42.
www.twitter.com/antwort42com
Twitter Studie
Zucker.Kommunikation
Trendreport August 2009
Twitter von Spiegel-Online
das komplette Angebot
Kritischer Blog-Beitrag
Twitter - Größter Blödsinn...


